Universitätsklinikum Bochum GmbHein Universitätsklinikum der Ruhr-Universität Bochum
Neuroonkologische Erkrankungen
Im Neuroonkologische Zentrum (NOZ) werden alle Arten von neuroonkologischen Erkrankungen einschließlich Hirnmetastasen, Schädelbasis- und Hypophysentumoren betreut. Die enge interdisziplinäre Zusammenarbeit mit hoher Expertise der beteiligten Fachbereiche gewährleistet eine individuelle, leitliniengerechte und qualitativ hochwertige Versorgung sowie den Einschluss in prospektive multizentrische Behandlungsstudien. Das Zentrum wurde 2014 als eines der ersten Zentren seiner Art von der Deutschen Krebsgesellschaft (DKG) zertifiziert.
Gliome sind primäre Hirntumoren, die von den Stützzellen des zentralen Nervensystems ausgehen und in unterschiedliche WHO-Grade unterteilt werden. Dabei gehört selbst das am häufigsten auftretende Glioblastom ZNS WHO Grad 4 zu den seltenen Tumorerkrankungen (4 bis 6 Neudiagnosen pro Jahr und 100.000 Einwohnern).
Gliompatienteninnen und -patienten bedürfen dringlich einer Behandlung in qualifizierten Neuroonkologischen Zentren, um eine optimale Diagnostik und Therapie beginnend mit der Erstdiagnose und über den gesamten Krankheitsverlauf zu gewährleisten. Alle Patienteninnen und Patienten werden obligat an unser interdisziplinäres Tumorboard angebunden und im vertrauensvollen Dialog über den gesamten Krankheitsverlauf bis hin zur palliativen Begleitung betreut.
Die Erstvorstellung erfolgt regelhaft in unserer Neurochirurgischen Klinik mit der Frage nach einer operativen Behandlungsindikation. Unsere ausgewiesene operative Expertise hat einen zentralen Stellenwert und verfolgt das Ziel der maximalen sicheren Tumorentfernung unter Erhalt der Lebensqualität. Sie ist regelhaft der erste Schritt in einer multimodalen Behandlungsfolge, die die Bestrahlung und medikamentöse Tumortherapie beinhaltet.
Der Neurochirurgischen Klinik stehen alle technischen Hilfsmittel zur Verfügung, um das Risiko einer Operation zu minimieren und gleichzeitig einen Tumor möglichst vollständig zu entfernen:
- Neuronavigation zur präzisen räumlichen Orientierung während der Operation
- Hochleistungsmikroskope zur bestmöglichen intraoperativen Visualisierung
- Intraoperativer Ultraschall zur Echtzeit-Kontrolle der Resektion
- 5-ALA-Fluoreszenz zur intraoperativen Tumordarstellung bei hochgradigen Gliomen
- Neuromonitoring zur Schonung kritischer Hirnfunktionen (Motorik, Sprache)
- Intraoperative Bildgebung mittels Loop-X zur intraoperativen Navigation und Resektionskontrolle
- Stereotaxie zur minimal-invasiven Diagnosefindung bei inoperablen Tumoren
Neben der histopathologischen Beurteilung basiert heutzutage die vollständige Diagnosestellung auf umfangreichen molekulargenetischen Untersuchungen (z. B. IDH-Mutation, 1p/19q-Kodeletion, MGMT-Methylierung, TERT-Mutation, EGFR-Amplifikation etc.), die entscheidend für Diagnostik, Prognose und Therapieplanung sind. Alle diagnostischen Untersuchungen werden in enger Zusammenarbeit mit dem Institut für Pathologie der Ruhr-Universität (Leitung Prof. Dr. med. Andrea Tannapfel) angeboten. In der Regel stehen die Untersuchungsbefunde binnen 3 bis 5 Arbeitstagen zur Verfügung.
Die Zuweisung in unsere Klinik erfolgt über die neurochirurgische Hochschulambulanz oder – bei bereits bekanntem Tumorleiden – häufig durch eine direkte Zuverlegung aus onkologischen Schwerpunktzentren und Kooperationspartnern der Region.
Während Hirnmetastasen noch vor wenigen Jahrzehnten fast ausschließlich mit einer ungünstigen Prognose verbunden waren, eröffnen sich heute durch den Fortschritt in der Neurochirurgie, Strahlen- und medikamentösen Tumortherapie vielfältige Behandlungsmöglichkeiten.
Rolle der Operation
Die mikrochirurgische Entfernung einer Metastase ist insbesondere dann angezeigt, wenn:
- die Metastase aufgrund der Größe lokal raumfordernd ist und/oder neurologische Symptome hervorruft, <
- der Primärtumor unklar ist,
- der aktuelle Tumorstatus (Rezidiv vs. Pseudoprogress) im Krankheitsverlauf unklar ist,
- weiterführende molekulare Untersuchungen indiziert sind.
Ziel der Operation ist die sichere und vollständige Entfernung der Metastase zur Reduktion von Beschwerden und zur Verbesserung der lokalen Tumorkontrolle.
Multimodales Therapiekonzept
In den meisten Fällen ist die Operation Teil eines individuell abgestimmten, interdisziplinären Behandlungskonzepts, das weitere adjuvante Therapieoptionen einschließt:
- Stereotaktische fraktionierte Radiotherapie der Resektionshöhle zur Minimierung des lokalen Rezidivrisikos
- Radiochirurgische Einzeitbestrahlung von weiteren kleinen, klinisch asymptomatischen Hirnmetastasen (z. B. in enger Kooperation mit dem Gamma Knife Zentrum Bochum)
- Intraoperativen Bestrahlung (IORT) als eine der wenigen Kliniken deutschlandweit. In enger Kooperation mit Gamma Knife Zentrum Bochum wird dabei direkt im Anschluss an die Tumorresektion am offenen Operationsfeld eine hochpräzise Strahlendosis appliziert, um eine zweizeitige Bestrahlung zu ersetzen und letztlich die lokale Tumorkontrolle zu verbessern.
- Neue zielgerichtete Medikamente und Immuntherapien zeigen positive Ergebnisse bei molekular selektionierten Hirnmetastasen. Hier kommt der Neurochirurgie mit der Möglichkeit der minimal-invasiven Gewebeentnahme eine übergeordnete Rolle bei der Patientenselektion zu.
Alle Patientinnen und Patienten mit Hirnmetastasen werden im interdisziplinären Tumorboard unseres zertifizierten Neuroonkologischen Zentrums (NOZ) sowie in den primär behandelnden Tumorzentren vorgestellt. Auf diese Weise stellen wir sicher, dass jede Therapieentscheidung individuell, leitliniengerecht und im Einklang mit den modernsten Behandlungsmöglichkeiten getroffen wird.
Meningeome sind die häufigsten gutartigen Tumoren des Gehirns und entspringen aus den Hirnhäuten (Meningen). Sie machen etwa 30-40% aller intrakraniellen Tumore aus. Die Inzidenz steigt mit zunehmendem Alter, wobei sie vor allem in der Altersgruppe ab 50 Jahren häufiger auftreten. Frauen sind häufiger betroffen als Männer.
Die prognostische Einschätzung wird beeinflusst durch das Wachstumsverhalten, die Tumorgröße und Lokalisation sowie die Histologie und zunehmend auch durch molekulargenetischen Marker wie der TERT-Mutation, die auf ein besonders aggressives Verhalten hinweist.
Die vollständige chirurgische Entfernung des Meningeoms stellt die effektivste Therapie dar und ist entscheidend für die Langzeitprognose. Beim Meningeom ZNS WHO Grad 1 kann eine vollständige operative Entfernung eine Heilung ermöglichen. Bei Tumoren in schwierig zugänglichen oder riskanten Bereichen wie der Schädelbasis oder in unmittelbarer Nähe zu wichtigen neurovaskulären Strukturen kann es erforderlich sein, die Resektion risikoadaptiert zu begrenzen und mit einer Bestrahlung des Resttumorgewebes zu kombinieren. Hier kommt die stereotaktische Radiochirurgie oder die fraktionierte Radiotherapie zum Einsatz. Ggf. ist für eine Bestrahlungsplanung neben der Kernspintomographie (MRT-Bildgebung) eine nuklearmedizinische Untersuchung (DOTATATE-PET) sinnvoll.
Meningeome WHO Grad 2 und insbesondere die seltenen WHO Grad 3 Tumore zeigen ein aggressiveres Wachstumsverhalten und Bedürfen einer multimodalen Behandlungsstrategie. Bei multiplen oder rezidivierenden Tumoren kann eine adjuvante Therapie z. B. mit Bevacizumab indiziert sein. Neue nuklearmedizinischen Therapieoptionen („Theranostics“) rücken zunehmend in den Fokus und werden für ausgewählte Tumoren in klinischen Studien untersucht.
Ein Akustikunseurionom (Vestibularisschwannom) ist ein gutartiger, langsam wachsender Tumor des Hör- und Gleichgewichtsnervs. Typische Beschwerden sind Hörverlust, Tinnitus und Schwindel. Treten diese Tumoren beidseits auf, ist eine humangenetische Untersuchung zum Ausschluss einer genetischen Ursache ratsam.
Neben der HNO-ärztlichen Funktionsdiagnostik (Hörfunktion, Schwindelabklärung) basiert die Beurteilung auf der Kernspintomographie (MRT-Bildgebung). Kleine Tumore im inneren Gehörgang (intrameatal, Koos Klassifikation Grad 1) werden entweder zunächst verlaufskontrolliert oder bei bestehenden Beschwerden bevorzugt minimal-invasiv radiochirurgisch bestrahlt (z. B. im Gamma Knife Zentrum Bochum am Standort des Knappschaft Universitätsklinikums). Tumore, die sich in den Kleinhirnbrückenwickel vorwölben und zu einer Verlagerung von kritischen neurovaskulären Strukturen führen (ab Koos Klassifikation Grad 2) werden in unserer Hochschulambulanz bzgl. der operativen Therapieoptionen beurteilt.
In unseren Spezialsprechstunden bieten wir eine vollumfängliche Beratung, die basierend auf einer ausgewiesenen operativen Expertise bei Bedarf auch risiko-adjustierte, kombinierte Behandlungskonzepte (Operation plus Radiochirurgie) beinhaltet. Die Operationen erfolgen obligat unter intraoperativem Neuromonitoring, um die Funktion zu erhalten.
Hypophysentumoren sind meist gutartige Geschwülste der Hirnanhangsdrüse, die jedoch durch ihre Lage vielfältige Symptome wie Sehstörungen, Kopfschmerzen oder Hormonstörungen verursachen können. In seltenen Fällen handelt es ich um Kraniopharyngeome, die häufig zystisch oder teilverkalkt sind, oder auch um Metastasen eines systemischen Tumorleidens.
In unseren Spezialsprechstunden erfolgt die Erstbeurteilung basierend auf der Kernspintomographie/MRT-Bildgebung. Bei Bedarf werden weiterführende Untersuchungen in enger Kooperation mit der Neuroradiologie, Augenheilkunde, Endokrinologie und Strahlentherapie durchgeführt.
Die mikrochirurgische Resektion hat einen zentralen Stellenwert und erfolgt neuronavigiert über einen minimal-invasiven Zugangsweg durch die Nase (transnasal) und die Keilbeinhöhle (transsphenoidal) unter dem OP-Mikroskop oder mittels des Endoskops. Bei kritischer Ausdehnung nach intrakraniell kann der offene Zugang über eine Schädeleröffnung für eine mikrochirurgische Tumorresektion notwendig werden. Grundlegendes Ziel ist die schonende Entfernung des Tumors unter Erhalt der hormonellen Funktion und der Sehfunktion.

