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Knappschaft Kliniken
27.02.2026

Warum der Welt-Adipositastag am 4. März so wichtig ist

Interview mit PD Dr. Thilo Sprenger, dem neuen Chefarzt der Klinik für Adipositas und Metabolische Chirurgie und Plastische Chirurgie in den Knappschaft Kliniken Recklinghausen

Anlässlich des Welt-Adipositastages am 4. März haben wir mit PD Dr. Thilo Sprenger, dem neuen Chefarzt der Klinik für Adipositas und Metabolische Chirurgie und Plastische Chirurgie in den Knappschaft Kliniken Recklinghausen gesprochen.  

Keine Krankheit ist mit einem solchen Maß an gesellschaftlicher Stigmatisierung verbunden wie Adipositas. Viele Menschen denken immer noch, dass starkes Übergewicht ein selbstgewähltes Schicksal der Betroffen oder gar Zeichen fehlender Disziplin und unzureichender Willenskraft sei. Das ist nicht der Fall, weiß PD Dr. Thilo Sprenger, Chefarzt der Klinik für Adipositas und Metabolische Chirurgie und Plastische Chirurgie in den Knappschaft Kliniken Recklinghausen.

„Adipositas beruht auf einer Vielzahl von komplizierten Mechanismen, die das Gleichgewicht zwischen Hunger und Sättigung, zwischen Magen-Darm-Trakt und Gehirn, durcheinanderbringen. Diesen Dysbalancen liegen wiederum sehr unterschiedliche und häufig individuelle Auslöser zugrunde. Die Adipositas erfüllt dabei alle Kriterien einer chronisch-progressiven Erkrankung. Liegt einmal ein starkes Übergewicht vor, ist es ohne professionelle Hilfe sehr schwer, die fehlgeleiteten Regelmechanismen unseres Körpers zu korrigieren.“    

Oft leiden die Betroffen neben den erheblichen Einschränkungen ihrer Lebensqualität und entsprechenden Begleit- und Folgeerkrankungen an einer gesellschaftlichen Ausgrenzung, die aus einem mangelnden Verständnis der Ursachen und Mechanismen dieser Erkrankung entsteht. Aktuell leiden in Deutschland knapp etwa 17 Millionen Erwachsene an Adipositas. Besonders alarmierend ist die Zunahme der Adipositas bei Kindern und Jugendlichen. Bisher sind 800.000 Kinder und Jugendliche adipös. Als adipös gilt man, wenn der Body Mass Index über 30 kg/m2 beträgt.

 Ist Adipositas als Krankheit anerkannt?

Ja, Adipositas ist seit 26 Jahren als chronische Krankheit in Deutschland offiziell anerkannt, auch wenn sich diese Tatsache bedauerlicherweise im allgemeinen gesellschaftlichen Verständnis noch nicht so durchgesetzt hat, wie dies, besonders im Sinne der Betroffenen, wünschenswert und notwendig wäre.   

 Was sind die Ursachen von Adipositas?

Die Ursachen sind komplex, vielschichtig und individuell - können also von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich sein. Neben psychosozialen Faktoren kann beispielsweise auch die Einnahme bestimmter Medikamente eine Adipositas auslösen oder begünstigen. Die gemeinsame Endstrecke ist eine „Sollwert-Verstellung“ im Bereich der körpereigenen Regulation u.a. von Appetit, Hunger und Sättigung, die zusammen mit der ständigen Verfügbarkeit energiereicher und hochverarbeiteter Lebensmittel und Bewegungsmangel zur Gewichtszunahme beitragen.       

Was hilft?

Wichtig ist zunächst, dass eine derart komplexe und vielgründige Erkrankung wie Adipositas nur ausnahmsweise mit einer einzelnen Therapiemaßnahme effektiv und nachhaltig behandelt werden kann. 

Auch ernst zu nehmende Therapien sollten immer eine „multimodale“, das heißt auf mehreren therapeutischen Säulen basierende Grundlage haben, die bei Betroffenen das grundlegende Verständnis von Ernährung und Ernährungsverhalten sowie Motivation zu Bewegung und körperlicher Aktivität adressieren. Dies gilt für die pharmakologische Therapie mit der „Abnehmspritze“ ebenso wie für die chirurgische Behandlung der Adipositaserkrankung mittels Operation.      

Entscheidend ist, dass sich Betroffene professionelle und seriöse, das heißt auf medizinischer und ernährungsphysiologischer Evidenz beruhende Beratung und Hilfe suchen!

Wann kommt eine OP für mich in Frage?

Die Adipositaschirurgie ist nach wie vor die effektivste und nachhaltigste Therapie der Adipositaserkrankung. Obwohl wir im Bauchraum operieren, wirkt der Eingriff in weiten Teilen im Gehirn, wo Dysbalancen von Hunger, Appetit und ausbleibender Sättigung über Regulation von Hormonen und Nervensignalen „normalisiert“ werden. Ohne einen (im wahrsten Sinne des Wortes) „Eingriff“ in diese Regelkreise bleiben dauerhafte Effekte auf Körpergewicht und Begleiterkrankungen, wie Bluthochdruck, Diabetes oder Gelenkschmerzen regelhaft aus. Nach vielen oberflächlichen Maßnahmen resultiert daher allenfalls eine zeitnahe Wiederzunahme des Körpergewichtes und der berühmte Jo-Jo-Effekt. Nahezu alle Patientinnen und Patienten haben vor einer Adipositasoperation bereits viele Alternativen versucht, um Gewicht zu reduzieren.

Das individuelle Erkennen, dass es ohne den oben genannten „Eingriff“ sehr schwer ist, eine dauerhafte Behandlung der chronischen Erkrankung „Adipositas“ zu erreichen, ist der – aus meiner Erfahrung – wichtigste und entscheidende Schritt! 

Natürlich gibt es auch formale Kriterien, die vor einer OP erfüllt sein müssen, der entscheidende Punkt für eine langfristig erfolgreiche Behandlung ist aber die intrinsische Motivation der Patientinnen und Patienten, gemeinsam mit dem Adipositas-Team den Weg zu gehen.

Die Entscheidung zu einer Operation hat dabei nichts mit Kapitulation vor der eigenen Selbstdisziplin zu tun und ist auch nicht „der leichtere Weg“, sondern zeugt von der eigenen Erkenntnis, die Adipositas als Erkrankung mit chronischem Charakter zu erkennen.                   

Wie ist der Verlauf einer chirurgischen Therapie?

Vor einer Adipositasoperation müssen gewisse Untersuchungen durchgeführt werden. Dazu gehören z.B. Blutanalysen bezüglich bestimmter Hormone, eine Magenspiegelung und eine psychologische Vorstellung.

Die Vorlaufzeit des Eingriffes richtet sich nach der Dringlichkeit der Adipositastherapie. Bei sehr hohem Gewicht und/oder schweren Begleiterkrankungen sind Alternativen zur Operation zumeist wenig erfolgversprechend, hinsichtlich des Behandlungsergebnisses jedenfalls einer OP deutlich unterlegen, was bei der Planung der Behandlungskonzeptes berücksichtigt werden muss.

Der Eingriff selber findet schonend in minimal-invasiver („Schlüsselloch“) Technik statt und dauert – je nach Verfahren – zwischen 30 und 60 Minuten. Die Patienten sind anschließend nach einer kurzen Aufwachphase bereits mobil, können Bett und Zimmer verlassen und am Operationstag Wasser, Tee oder Kaffee in beliebiger Menge zu sich nehmen. Der Krankenhausaufenthalt beträgt 1-2 Tage.      

 Warum ist der Welt-Adipositastag am 04. März wichtig?

Ein internationaler Tag, an dem über Ursachen und Folgen sowie den Umgang mit der Erkrankung „Adipositas“ gesprochen wird, kann natürlich dazu beitragen, gesellschaftliche und politische Entscheidungen auf dem Weg zu einer besseren Prävention und Behandlung dieser Erkrankung zu forcieren.

Mindestens ebenso wichtig ist es allerdings den Blickwinkel der Betroffenen in den Fokus zu stellen: Das Leiden unter einer - als solche allgemein verkannten - chronischen Erkrankung, die ein relevantes gesundheitliches Risiko birgt, hohen Leidensdruck hervorruft, zu physischer und psychischer Ausgrenzung führt und dennoch „nur“ als überwiegendes Lifestyle-Problem angesehen wird!

Neben Aufklärung und Prävention sollte als übergeordnetes Ziel daher auch ein ungehinderter und entstigmatisierter Zugang zu professionellen und stadiengerechten Therapiemöglichkeiten für alle Patienten, die unter Adipositas leiden, gewährleistet sein!         

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